About

Doris Kittler, geboren 1969 in Wien. Studium der Bühnen- und Kostümgestaltung an der Hochschule Mozarteum (Diplom: 1995). Danach Theaterpraxis und gleichzeitige Beschäftigung mit Fotografie. Seit ihrem Aufenthalt in Sibirien (2000-2002): Dokumentarfilm. Lebt und arbeitet in Wien.

Doris Kittler, Foto Martin Juen

 

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Foto: Martin Juen 2012
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Über meine Arbeit

Bühnengestaltung und Fotografie

Die Versinn-Bildlichung von Stücken in Form von Bühnenräumen fordert bildnerische, musikalische und dramaturgische Fähigkeiten, aber auch künstlerische Unterwerfung in eine komplexe Maschinerie. Mit Fotoportraits von Menschen und Städten will ich Charaktere auf eine Weise skizzieren, die meine persönliche Faszination beinhaltet: Eine Persönlichkeit erzählt mit ihrer Strahlkraft aufregende Geschichten, wie ich sie vom Theater her kenne und schätze.

Stadtportrait

gebueckte-frauIm jüdischen Viertel, Krakau | Fotografie, 1998

Die Psychosozialforscherin in mir fühlt sich aufgefordert, Gegenden wie Paris, New York, London, später auch Vilnius oder Tomsk und Wien anatomisch abzutasten. Inhaltliche wie formale Zusammenhänge innerhalb einer Situation werden zum Stadtführer. Die Poesie des Alltags im gerade sich zersetzenden „Ostblock“ führt mich von Bratislava bis Irkutsk.


Das Meer bei Zarautz | Fotografie, 2006

Ich suche von Menschenhand gemachte und in die Natur eingefügte Kulissen, an denen man gerne achtlos vorübergeht. Eines meiner Lieblingsbilder entsteht im Baskenland: Es zeigt das Meer, das auf einer Betonwand in einem Graffito „fortgesetzt“ wurde; darauf ein paar Kürzel der Widerstandsbewegung ETA.

Filmdokumentation

Leichte Winter | Filmkader, Novosibirsk, 2003

Die Arbeit mit einer Videokamera beginnt während eines zweijährigen Sibirienaufenthaltes (2000-2002), nachdem ich mit meiner Fotoausrüstung vor den komplexen Eindrücken kapituliere und die Ausweitung auf Ton- und Bewegung unumgänglich scheint: Mischa zeigt die Stadt Tomsk und ihre Menschen als „Dokumentarmärchen“. Wenig später folgt Leichte Winter, ein dokumentarisches Panoptikum, ein Seelengalopp durch „meinen“ wilden Osten.

Aus mehrjähriger Arbeit entstehen Filme, die mehr dem Zusammensetzen von Puzzleteilen gleicht als einem Arbeiten nach Drehplan. Ich sehe meine Arbeit irgendwo zwischen Dokumentaressay und Direct Cinema.

Themen

Mein sozialanthropologisches Interesse hat mich nach meinem Sibirienaufenthalt umso stärker auf meine Heimat Wien fokussiert, die ich seit meiner Rückkehr anders betrachte: Die Wiener Kultur und ihre kontinuierlichen, teils drastischen Veränderungen, aber auch typische Charaktereigenschaften verblassen. Wien als Wesen, das die große Welt widerspiegelt.


Leerstehendes Wiener Geschäftslokal
Fotografie, 2008

Wien als starkes, besonderes Individuum unter den sich äußerlich immer stärker angleichenden Städten Europas. Wien als Standort, wo die Gesetzmäßigkeiten des Turbokapitalismus sich längst über eine starke, soziale Tradition gelegt haben und die Kulturpolitik diktieren. Greißler oder Wienermusik existieren, symptomatisch für eine globale Entwicklung, beinahe nur noch in musealem und konzertantem Zusammenhang und schreien nach Dokumentation (Warum gibt es eigentlich keine Stadtfilmer, so wie es früher Stadtschreiber oder Stadtmaler gegeben hat?).

Imaginäre Traumstadt / Politik von unten

Nach der Jahrtausendwende darf ich Mitbegründerin/Gründungszeugin zweier skurriler, wie legendärer Initiativen rund um den Wiener Augarten werden: die AugartenStadt (2004), sowie das Josefinische Erlustigungskomitee (2008).

Die AugartenStadt (beginnend mit einer „Stadterhebung von unten“) legt Vorgänge rund um die gelebte Utopie einer Initiative zwischen verrückter Langzeit-Kunstaktion, partizipativer Stadtentwicklung und einer Bürgerinitiative nahe. Dort sickern urbane Ideen ansatzweise vom „Fantasieland“ ins „Realland“ und man versucht im Sinne menschlicheren Miteinanders etwa, die Entrechtung sozialen Gruppen zu überwinden, die als „unerwünscht“ stigmatisiert werden. Der selbst ernannte Bürgermeister Otto Lechner inspiriert jede Menge Stadträte und Stadträtinnen.

Doris Kittler, Stadträtin für Bildstörung und Szenenwechsel:

„Und es ward Licht und sie sagte:
Siehe den Mikrokosmos des Trottoirs
und lasse das Kleine groß werden.
Du selbst sei elysisch wiewohl du Erde und Asche bist.“

Über diese Fantasiestadt gehen meine Interessen weiter zu anderen Formen von „echteren“ zivilgesellschaftlichen Prozessen, etwa den bacchantischen Gelagen des Josefinischen Erlustigungskomitees im Augarten, die als neue Form des Protestes der Öffentlichkeit gegen politisch-wirtschaftliche Privatmachenschaften (besonders gegen die Errichtung einer privaten Konzerthalle auf öffentlichem Grund, gegen den Willen der BürgerInnen) kämpfen – witzig, lustvoll und anarchistisch. Die Kamera ist stets dabei.

Architektur / Fassaden / Schrift / Graffiti


Graffito an einer Hinterhofwand in Vilnius
Fotografie, 2008

Während Häuser wie Körperteile der Stadt anmuten, sind deren Fassaden mit all den Schriften und Zeichen von Schildern oder Graffiti wichtige Sprachrohre und Seelenspiegel der Gesellschaft. Diese Kleinigkeiten des täglichen Lebens im öffentlichen Raum erzählen spannende und wichtige Geschichten.

Diese dem Untergang geweihte Schönheit der Welt im Kleinen und die verzweifelten Versuche, diese zu retten, sind meine „Protagonisten“ auf der Suche nach einer adäquaten Ästhetik, die sowohl Authentisches zu verewigen vermag, als auch Röntgenbilder der Sollbruchstellen von Herrschaftsverhältnissen (Zitat aus: kinoki – Dokumentarfilm-Manifest) ermöglicht.